Serien im Stream: Was macht Binge-Watching eigentlich mit dem Gehirn? – midja

Eine spannende Verfolgungsjagd, Gefahr für den sympathischen Helden oder große Missverständnisse bei einem Liebespaar – jetzt nur nicht unterbrochen werden, beim Seriengucken. Dem Sog einer guten Geschichte, den episodischen Spannungsbögen, kann man sich kaum entziehen. Ob „Babylon Berlin“, „The Walking Dead“ oder „Game of Thrones“ – das Ende ist zum Greifen nahe, man möchte unmittelbar wissen, wie es weiter geht. Beim Binge-Watching, dem Schauen von ganzen Serienstaffeln am Stück, ist das kein Problem. Oder vielleicht doch, dazu später mehr.

Ein ewiges Ärgernis der Serienfans ist ja zunächst mal, dass ein Großteil dieser großartigen Serien mitten in der Staffel auseinandergerissen wird. Die Zombie-Saga „The Walking Dead“ beispielsweise, neben „Game of Thrones“ eines der erfolgreichsten Formate weltweit (beide zu sehen bei Fox/Sky), wurde auch in der aktuellen achten Staffel zweigeteilt. Folge acht wurde am 9. Dezember bereitgestellt. Folge neun und damit vielleicht eine Antwort auf die dräuende Frage, ob Rick, der Anführer der Aufrechten, den Kampf gegen den bösen Negan besteht, startet erst am 26. Frar.

Deutlich krasser ist es bei „Game of Thrones“. Da wird zwischen der vorletzten und der finalen Staffel 2019 ganze zwei Jahre mit der Ausstrahlung pausiert. Da ist, zumindest wenn es um aktuellen Serienstoff geht, nicht viel mit Binge-Watching.

Dass Staffeln großer Serien so lange unterbrochen werden, liege daran, dass die Serien inzwischen so aufwendig produziert werden, sagt eine Sky-Sprecherin. In der Regel dauere es ein Jahr, bis eine neue Staffel on air geht. „Davon abgesehen haben wir die neuesten Serienstaffeln rund sechs Monate auf unserer Plattform, je nach Lizenzvertrag über On Demand auch längerfristig, sodass man sich die Wartezeit verkürzen kann, indem man Episoden mehrmals anschaut.“

Gehälterfragen, Autoren- oder Schauspielerstreiks

Das ist bei „The Walking Dead“ derzeit allerdings nicht möglich. Da gibt es bei Sky Go aus lizenzrechtlichen Gründen einen sogenannten „Black Window“ – keine Zombieserie auf dem Bildschirm. Natürlich ist der deutsche Pay-TV-Sender darauf angewiesen, was ihm die Produzenten zu welchem Zeitpunkt zur Verfügung stellen. Da gibt es strategische Pläne der verschiedenen US-Kabel- und Pay-TV-Veranstalter wie AMC oder HBO, da läuft es bei der Herstellung manchmal auch nicht nach Plan: Gehälterfragen, Autoren- oder Schauspielerstreiks, ganz zu schweigen vom Marketing – warum nicht ein Erfolgsprodukt wie einen Kaugummi strecken, bis ein Nachfolge-Hit gefunden ist?

Sky & Co., Abnehmer dieser Serien, könnten sich die Programmierung in den USA natürlich auch genau anschauen, vermerken, wann in den USA Serienpausen sind, das dann miteinrechnen und die Serie die entsprechenden Wochen später einplanen, sodass sie dann in Deutschland in einem Rutsch durchlaufen. Angesichts diverser (illegaler) Möglichkeiten, Serienstoff vorab im Netz zu sichten, dürfte das aber die Ausnahme unter Serienprogrammierungen sein.

Es geht ja auch grundsätzlich anders und damit zurück zum Massenphänomen Binge-Watching: Warten, bis alle Folgen einer Serie beim Streamingdienst online im Regal stehen und dann alles auf einmal wegschauen. Für weltweite Netflix Originals wie „Fargo“ oder „The Crown“ sei es üblich, so ein Sprecher des Streamingdienstes, dass alle Folgen einer Staffel gleichzeitig auf Netflix zum Streamen bereitgestellt werden. Getreu der Erkenntnis, dass ein nicht gerade kleiner Teil von Nutzern jeweils nur eine Serie wirklich aufmerksam verfolgt, bis diese zum Abschluss gekommen ist.

Je schneller man sich also die Handlung einverleibt

Wenn man wöchentlich eine Folge online stellen würde, so Ted Sarandos, der bei Netflix für die inhaltliche Ausrichtung zuständig ist, hätte das den Effekt, dass die Nutzer über Monate jeweils nur ihre aktuelle Lieblingsserie gucken. Schauen sie hingegen am Stück, könne man sie früher für das nächste Angebot gewinnen und sie bleiben stärker an Netflix gebunden.

Ähnlich verfährt Amazon Prime Video. Es gebe in der Tat Inhalte, die nach dem Modell „eine Folge pro Woche“ online gehen, sagt eine Sprecherin. Das seien hauptsächlich exklusive Serien, die „hot from US“ kommen – Prime Video bietet diese möglichst zeitnah nach der US-Ausstrahlung an, „The Fear of Walking Dead“ als Beispiel. Der Großteil der Prime-Eigenproduktionen seien aber zum Binge-Watching verfügbar.

Stellt sich nur noch die Frage, was das mit dem Gehirn macht. Forscher der Uni Melbourne haben herausgefunden, dass der zwanghafte Serienkonsum am Stück zu Schäden am Gedächtnis führen kann. In einer Studie sahen Teilnehmer dieselbe Serie, in ganz unterschiedlichen Zeitabständen. Den Binge-Watchern gelang es nach 24 Stunden zwar, die letzte Folge besser ins Gedächtnis zu rufen, doch nach 140 Tagen lagen die wöchentlichen Zuschauer weit vorne.

Je schneller man sich also die Handlung einverleibt, desto früher ist sie wieder aus den Gedanken geflogen. Edgar Erdfelder, Leiter des Lehrstuhls für kognitive Psychologie der Universität Mannheim, erklärt, dass das mit dem normalen Lernprozess des Menschen zu tun hat. Der Mensch lernt besser, wenn er verteilt lernt. Zu viel Masse auf einmal ist nicht förderlich. Binge-Watcher können relevante Informationen schlechter verarbeiten und fallen somit leistungsschwächer aus. Dann vielleicht doch lieber unterbrochen werden.

Din l-aħbar ġej minn netwerk imsieħeb tagħna: http://www.tagesspiegel.de/medien/serien-im-stream-was-macht-binge-watching-eigentlich-mit-dem-gehirn/20869830.html

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