SPD, Union und die Kultur: Europa als Kontinent der Solidarität – Kultur

Was für ein Kontrastprogramm: ernsthaftes und zielorientiertes Ringen um den Vertrag, Hauen und Stechen um die Posten. Auf dieses politische Geschacher hätten wir gern verzichtet. Man hätte sich an den Formulierungen des Koalitionsvertrages im Kulturkapitel orientieren können, wo es heißt: „Die Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten, sind Voraussetzungen für ein friedliches gesellschaftliches Miteinander.“

Der Kultur wird im Koalitionsvertrag eine aktive gesellschaftliche Rolle zugewiesen. Sie wird nicht auf die Spielwiese der Künstler und Intellektuellen reduziert – nice to have –, sondern als ein essentieller Teil unseres Zusammenlebens in Deutschland und in der Welt dargestellt. Damit verbunden ist ein Perspektivwechsel, mit dem Innen- und Außenkulturpolitik verschränkt werden. Es heißt: „Nach innen und außen fördern wir Dialog, Austausch, Verständigung und Kooperation.“ Dies beschreibt praktisches Handeln. Andreas Görgen, Abteilungsleiter für Kultur und Medien im Auswärtigen Amt, spricht von einem Gestaltungsauftrag für die nächsten Jahre. Wie kann das konkret aussehen?

In Krisengebieten weiter präsent sein

Das Goethe-Institut als Auslandsinstitut durfte bislang keine öffentlichen Mittel im Inland für Integrationskurse erhalten. Dabei verfügt es über wirkungsvolle Sprachstrukturen und durch die Kontakte zu den Herkunftsländern der Migranten über eine zusätzliche Expertise zur erfolgreichen Integration. Nur durch das Einwerben von privaten Spendenmitteln konnte das Institut bisher überhaupt wirksam werden. Jetzt aber lässt sich aus dem Koalitionsvertrag ein Mandat für Deutschland ableiten.

Zu begrüßen ist die erweiterte Definition von Mitteln für humanitäre Hilfe in den großen Flüchtlingslagern in Jordanien und dem Libanon. Sie sollen auch für das Aufarbeiten der Fluchterlebnisse, insbesondere traumatisierter Jugendlicher, bereit gestellt werden. Die kulturellen Programme können damit vom Goethe-Institut gemeinsam mit Flüchtlingsorganisationen organisiert werden. In Krisengebieten wird Deutschland weiter präsent sein, verstärkt mit Kulturarbeit.

Einen internationalen Denk- und Debattenraum schaffen

Für eine weltoffene Gesellschaft ist von Bedeutung, dass die globalen Themen im eigenen Land bekannt sind und diskutiert werden. Deutschland hat dank seiner Diskursfähigkeit ein positives Ansehen. Um dies in einer immer komplexeren Welt für eine nicht manipulierte Meinungsbildung nutzen zu können, bedarf es eines engen internationalen Netzwerkes von Partnern – von Künstlern, Wissenschaftlern, Kuratoren.

Das Goethe-Institut mit seinem Netz von 160 Instituten in knapp 100 Ländern kann dieses Außennetz sein. Es fehlt aber ein Ankerpunkt in Deutschland selbst, der das Innen und Außen spiegelt und aus der Einbahnstraße eine Zweibahnstraße macht. Gemeinsam mit der Deutschen Welle würde ein Denk- und Debattenraum entstehen, der die Vorstellungen des Koalitionsvertrages nach einer Debattenkultur auf internationaler Ebene erfüllen kann.

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Koalitionsvertrag: Spitzen von Union und SPD zufrieden

Dieser Vorschlag hat zusätzlichen Charme, wenn man an das Humboldt Forum denkt. Es sind im Koalitionspapier Koproduktionen von in- und ausländischen Partnern angesprochen. Hier könnten die Erfahrungen des Goethe-Instituts, auch gemeinsam mit der Kulturstiftung des Bundes, zu interessanten Anwendungen führen.

Besondere Aufmerksamkeit wird der deutschen Sprache im Koalitionsvertrag geschenkt, nicht nur als Schlüssel zur Integration, sondern auch für dauerhafte Partnerschaften in der Welt, zur attraktiven Wahlmöglichkeit des Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturstandorts. Derzeit lernen 15,4 Millionen Menschen weltweit die deutsche Sprache. Allein bei den ausländischen Goethe-Instituten haben die Sprachkursteilnehmer in den letzten fünf Jahren um zwanzig Prozent zugenommen, Tendenz steigend. Herausragend ist die Partnerschulinitiative, die jetzt zehnjähriges Bestehen feiert, initiiert vom Auswärtigen Amt. Sie vernetzt weltweit mehr als 1800 Schulen, an denen Deutsch einen besonders hohen Stellenwert hat.

Massive Investitionen in die digitale Zukunft

„Europa ist auch ein kulturelles Projekt.“ Dieses Zitat aus dem Koalitionsvertrag ist für das Goethe-Institut lebendige Wirklichkeit. Europa ist unsere kreative Basis, wir setzen uns für eine gemeinsame Verantwortung für den europäischen Kulturraum ein. Wir wollen bis 2020, dem Jahr der deutschen Ratspräsidentschaft in der EU, zehn deutsch-französische Institute gründen, und wir starten mit zwei deutsch-italienischen Instituten in Frankreich. Europa muss wieder ein Kontinent der Anerkennung, des Respekts und der Solidarität werden. Kein Europäer soll sich in einem europäischen Land als Fremder fühlen.

Generell soll die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik nach der Auffassung der Koalitionäre ausgebaut und besser vernetzt werden, mit massiven Investitionen in die digitale Zukunft. Schon jetzt hat das Goethe-Institut 35 Millionen Visits pro Jahr, die Follower in den sozialen Medien haben sich seit 2013 vervierfacht. Begründet wird das Programm mit dem härter werdenden globalen Wettbewerb um Köpfe, Ideen und Werte. Deutschland soll im „Wettbewerb der Narrative und Werte“ bestehen.

Diese News stammen von unserem Partnernetzwerk: http://www.tagesspiegel.de/kultur/spd-union-und-die-kultur-europa-als-kontinent-der-solidaritaet/20954736.html

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