Gedichte von Ulrich Koch: Wann kommt der Bus? – Kultur

Seine Gedichte führen auf die erdabgewandte Seite der Geschichte – in eine Provinz der Buswartehäuschen, Pendlerzüge, Vorgärten, Turnhallen und Baggerseen, in denen die Hoffnung auf Grund gelaufen ist. Das einsame Ich von Ulrich Kochs Gedichten erlebt das vorüberziehende Leben wie eine endlose Wartezeit. In den abgelegenen Regionen, in denen sein lyrisches Subjekt zu Hause ist, steht die Zeit still, und nur das „Nachtlicht der Telefonzelle in der leeren Ortsmitte“ bildet den Ankerpunkt bei dieser Wiederkehr des Immergleichen: „Dort, an der einzigen Ampel im Ort, / werden wir lange bei Rot stehen, / der Fahrer des Leichenwagens und ich..“

Vor 20 Jahren veröffentlichte der 1966 bei Lüneburg geborene Koch seine ersten Gedichte im Residenz Verlag; nach niederschmetternden Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb hat er danach lange Zeit geschwiegen. Später erschienen in der mittlerweile havarierten Lyrikedition 2000 zwei Bände, in denen, wie sein Freund und Kollege Arnold Stadler schrieb, die lyrische Erfahrung „zurückreicht in jenes Etwas, das zu Zeiten Paradies, manchmal Hölle, aus dem wir nicht vertrieben werden können, und wo wir vielleicht gar nie richtig waren“.

Kunstvoller Ernüchterungs-Poet

Nun legt Ulrich Koch mit „Selbst in hoher Auflösung“ einen fulminanten Gedichtband vor, in dem sich das Weltgefühl seines illusionslosen Ichs noch weiter radikalisiert hat. In dem schwarzen Existenzialismus, der ihm zu eigen ist, protokolliert Koch das langsame Versickern von Lebensenergien. In seinen übermütigen „elementaren Gedichten“ entwickelt er ein surrealistisch nuanciertes Bildprogramm, mit dem er das „kalte Land“ durchfährt. Für den glanzlosen Alltag seiner Helden findet er dabei Verse von großer Leuchtkraft, die sich zur melancholischen Chronik eines beschädigten Lebens formieren. In dieser ländlichen Lebenswelt tut sich immer wieder ein Riss auf, die Protagonisten der Gedichte taumeln ins Unheimliche.

So erleben wir ein Lieblingstier von Ulrich Koch, den Wal, in unerwartetem Kontext, an einer Haltestelle – und plötzlich bricht das Mysterium ein in den Alltag: „Im Buswartehäuschen sitzt am Morgen ein Wal / und raucht vornehm. / Minute um Minute füllt sich die Haltestelle mit Grundschülern, / die aus dem Nieselregen / ins Halbdunkel fallen. / Der Wal hat einen trockenen Husten. / Jedesmal wenn er eine Hand vor den Mund hält, / sieht man die Stigmata.“ Ulrich Koch, der kunstvolle Ernüchterungs-Poet, hat sich das Prinzip Hoffnung abgewöhnt. Ein Gefühl von Heimat erfährt er nur noch in der Paradoxie: „Alles, was ich sagen will, / liegt außerhalb meiner Rufweite.“

Ulrich Koch: Selbst in hoher Auflösung. Gedichte. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2017. 160 Seiten, 24 €.

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