Neue Ästhetik: Was das Theater von der Kunst alles lernen kann

Arme Toren. Befriedigen sich selbst und rasieren sich anschließend die Handflächen. Malen Rauchzeichen mit Spiritus. Liegen unter einer Glasdecke begraben wie Schneewittchen im Trainingsanzug. Statt Pudel bellen draußen Dobermänner. „Faust“ heißt die Performance, mit der Anne Imhof kürzlich den Goldenen Löwen der Biennale gewann.

„Faustisch“ sind diese anmutig-modelhaften Darsteller in ihrem Kreisen um sich selbst ebenso wie in ihrer Suche nach etwas Unerreichbarem. „Du kannst! So wolle nur!“, heißt es bei Goethe und: „Im Anfang war die Tat!“ Im Deutschen Pavillon hingegen regiert die Lethargie des Performance-Zwang-Kapitalismus. Mit das Schlimmste daran ist die Vereinzelung, mit dem Smartphone als letztem Fenster zur Welt. Die vierte Wand, die Zuschauer und Performer trennt, ist aus Glas.

Berliner Provinztheater

Im Theater ist diese vierte Wand essenziell. Schauspieler spielen, Zuschauer schauen, Anfassen verboten. Während das Biennale-Publikum stundenlang Schlange steht, steckt das Theater in einer Krise und zerfleischt sich selbst. Bestes Beispiel ist die Berliner Volksbühnen-Debatte. Dabei wird es auch unter Dercon Vierte-Wand-Theater geben.

Wem das nicht reicht, wird ein paar Blocks weiter glücklich, wo der designierte Intendant des Berliner Ensembles ankündigt, ganz auf die Kraft seines Ensembles zu bauen. Ein Flirt mit anderen Künsten wird man bei Oliver Reese nicht erwarten dürfen.

Um die Innovationsscheu des Theaters ist es doppelt schade angesichts dessen privilegierter Situation. Im Gegensatz zur Kunst darf es vom staatlichen Geldtopf naschen. Sattheit macht faul – oder woran liegt es, dass einer wie Tino Sehgal weltweite Erfolge feiert mit theaterähnlichen Mitteln?

Seiner Arbeitsweise nach könnte der Deutschbrite auch Regisseur sein. Ähnlich wie bei Imhof bewegen sich seine Performer frei im musealen Raum, etwa der Turbinenhalle der Tate Modern, nehmen jedoch Kontakt mit den Zuschauern auf. Theater? Kunst?

Die Selbstzuschreibung zählt

Es kommt offenbar auf die Selbstzuschreibung an. Anne Imhof wiederum schwärmt von Caravaggios Lichtführung und sieht sich in erster Linie als Malerin. Trotzdem weisen ihre tableau-vivant-haften Arbeiten starke Bezüge zum Theater auf. Bereits die von ihr als Oper bezeichneten Performances „Angst I-III“ waren nicht nur ein Instagram-Hit.

Da verbrachten Menschen gemeinsame Zeit, interagierten miteinander und mit den Performern. Jede Aufführung war anders. Die Theaterwissenschaft spricht von Co-Präsenz, Co-Autorschaft und autopoietischer Feedbackschleife, die Teilnehmenden sind einfach nur überwältigt.

Die Philosophin Juliane Rebentisch vergleicht Imhofs Performer mit Beckett-Figuren. Einige Zuschauer bringt der Anblick dieser elegant Vereinsamten zum Weinen; nichts anderes meint der Begriff Katharsis. So gesehen ist das, was Imhof macht: Theater im Kunstraum. Aber hätte es Imhof als Theaterfrau zu ähnlicher Berühmtheit gebracht? Oder läuft Kunst dem Theater im wahrsten Sinn den Rang ab?

Der Journalistin Susanne Burkhardt zufolge war diese Goethe-Variation jedenfalls spannender als das, was zeitgleich beim Berliner Theatertreffen zu sehen war: „Sorry #tt17: die beste Performance gibt’s derzeit im Deutschen Pavillon.“

Postdramatische Volksbühne

Dabei ist Theatertreffen-Intendant Thomas Oberender doch erklärter Fan der Interdisziplinarität. Anfang Juli begann dessen Immersion-Festival mit einem skandalösen Auftakt: Darsteller essen Kacke auf! Schon lange vor der ersten Vorstellung war Vegard Vinges und Ida Müllers „Nationaltheater Reinickendorf“ restlos ausverkauft. Zuletzt strapazierte das deutsch-norwegische Regieduo die Gastfreundschaft der Berliner Volksbühne in Form zwölfstündiger Krawallinszenierungen.

A propos Volksbühne: Angesichts der Kleingeistigkeit der aktuellen Debatte vergisst man ja manchmal, wie innovativ – und post-dramatisch! – diese schon zu Castorfs Zeiten war. 2015 etwa klotzte der US-amerikanische Skandalkünstler Paul McCarthy zwei begehbare Bretterbuden in den großen Saal der Volksbühne. Im Inneren dieser „Rebel Dabble Babble“ liefen Pornos mit James Franco, abgesehen davon waren keine Schauspieler anwesend. Ist das noch Theater?

Die gleiche Frage könnte man der studierten Szenografin Mona el Gammal stellen. In deren bis ins kleinste Detail gestalteten Räume ist der Zuschauer auf sich allein gestellt, etwa als Versuchskaninchen im Zukunftslabor „Haus//Nummer/Null“. Auch Künstler wie Bruce Nauman oder Christian Jankowski bauen Paniklabyrinthe. Trotzdem käme niemand auf die Idee, sie als Regisseure zu bezeichnen.

Meese und Obrist

Andere wechseln munter zwischen den verschiedenen Disziplinen. Jonathan Meese, dessen beherzte Wagner-Interpretation „Mondparsifal“ im Oktober beim Immersion-Festival gezeigt werden wird, ebenso wie der stadttheatersozialisierte Christoph Schlingensief mit seinem komplexen Œuvre aus Theaterstücken, Langzeitperformances, Installationen und Entwürfen für ein Opernhaus.

Überhaupt scheint das Musiktheater eine magische Wirkung auf Künstler zu haben. 2007 inszenierte der Kurator Hans-Ulrich Obrist mit dem Künstler Philippe Parreno die Oper „Il tempo del postino“. Beteiligt waren Kunstmarkt-Darlings wie Matthew Barney, Fischli/Weiss, Olafur Eliasson und Ririkrit Tiravanija.

Letzterer wurde bekannt durch in den Ausstellungsraum verlagerte Garküchen, in denen Thaicurry ausgegeben wurde. Für solche erst im Zusammenspiel mit den Rezipienten entstehenden Kunstwerke prägte der französische Kunsthistoriker Nicolas Bourriaud den Begriff „relationale Ästhetik“.

Die wiederum kann einen ganz schön ins Schwitzen bringen. „Hamamness“ hieß die Performance bei den Wiener Festwochen, die drei aufblasbare Iglus in ein türkisches Bad verwandelte. Erst durch die sich gegenseitig massierenden Zuschauer wurde aus einer Sauna eine Satire über die eigene Erwartungshaltung. Und die Frage, ob es sich um Kunst oder Theater handelt, überflüssig.

Theater im Ausstellungsraum

Orfeo Die Aufnahmen sind bei der Ruhrtriennale 2015 entstanden, Copyright: Julian Roeder. Susanne-Kennedy-Performance "Orfeo - eine Sterbeübung"

In Berlin im Museum: Die Susanne-Kennedy-Performance „Orfeo – eine Sterbeübung“ von der Ruhrtriennale

Quelle: Julian Roeder

Oft tut dem Theater ein solcher Ortswechsel gut. Die ab der neuen Spielzeit an der Volksbühne tätige Regisseurin Susanne Kennedy verlegte ihren Parcours „Orfeo – eine Sterbeübung“ in den Martin-Gropius-Bau, eines der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in Berlin. Auch das schwedische Duo Lundahl & Seitl schickte Zuschauer mit verbundenen Augen dort auf einen Audioparcours. Und dann wären da noch Signa und Arthur Köstler, deren penibel durchgestylte Kosmen zum Faszinierendsten gehören, was das zeitgenössische Theater zu bieten hat.

Wenigstens eine Schnittmenge haben Theater und bildende Kunst: das Material Mensch. Intensive Momente, wie sie sich bei Marina Abramovićs Neunzig-Stunden-Performance „The artist is present“ ereigneten, verraten viel über die Macht der bloßen Anwesenheit in unserer digitalen Lebenswelt.

Keine künstlerische Form verfügt darüber in solchem Maß wie das Theater. Anstatt sich beleidigt in den Elfenbeinturm zurückzuziehen und auf das Handyverbot hinzuweisen, sollte es den Blick in die Zukunft richten, nicht auf die Vergangenheit. Und sich trauen, eine Liaison mit anderen Künsten einzugehen.

Gegen das Leck im Boot

Auf ganz wunderbare Weise geschieht das in Venedig derzeit nicht nur im Deutschen Pavillon, sondern auch in der Fondazione Prada. Dort stellt die Ausstellung „The boat is leaking/The captain lied“ Werke von Thomas Demand, Alexander Kluge und der Theatermacherin Anna Viebrock gegenüber. Das wortwörtliche Zusammenspiel von Kluges Filmen, Demands Fotografien und Viebrocks Raummodellen schärft die Sinne und macht aus dem passiven Kunstbetrachter einen Handelnden.

War das nicht mal die Idee von Theater, sozusagen des Pudels Kern? Gegen das Leck im Boot, sprich den Deutungsverlust des Theaters, hilft Durchlässigkeit gegenüber anderen Künsten ebenso wie ein gelegentliches Durchbrechen der vierten Wand.

Diese News stammen von unserem Partnernetzwerk: https://www.welt.de/kultur/article168615998/Was-das-Theater-von-der-Kunst-alles-lernen-kann.html

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